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Scrollst du noch oder hörst du zu?

  • Autorenbild: Sheila
    Sheila
  • vor 3 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Ich habe in letzter Zeit begonnen, Unterhaltungs-Apps zu löschen. Facebook und auch die zwei Spiele, die mich seit vielen Jahren begleitet haben und zu meinem Alltag gehörten. Täglich eine Runde, fast wie ein kleines Ritual. So selbstverständlich, dass ich es kaum je hinterfragt habe.

 

Erst als sie verschwanden, blieb ich an einem Wort hängen: Unterhaltung. Ich unterhalte mich…oder beschäftige ich mich eigentlich nur? Vielleicht lenke ich mich ab, fülle Zeit und halte etwas auf Abstand? Das Wort klingt nach Begegnung und Austausch, ja es klingt nach Lebendigkeit. Und doch fühlte es sich plötzlich leer an.

 

Es ist erstaunlich, was passiert, wenn diese ständigen kleinen Ablenkungen fehlen. Es war kein Verzicht, aber zu Beginn eine feine Unruhe. Der Griff nach dem Handy war ein Automatismus, immer dann, wenn ein Moment offen blieb. Und nun? Eine Pause, die nicht mit einem Spiel, einem Facebook-Feed oder sonst einem Reiz gefüllt wird. Nur ich und dieser Augenblick.

 

In dieser Stille tauchen Fragen und Gedanken auf, die sonst keinen Platz finden. Manchmal auch ein Unbehagen, weil nichts mehr da ist, das mich sofort abholt. Doch genau dort beginnt etwas Wesentliches. Aufmerksamkeit, Präsenz und ein echtes Bei-mir-Sein.


Wie lange bleiben wir bei einem Thema, bevor wir weiterwischen? Halten wir es noch aus, zuzuhören, ohne sofort zu reagieren, zu bewerten oder zu kontern?

Alles ist schnell geworden. Gedanken, Urteile und Empörung folgen einander in rasendem Tempo. Ein Satz, ein Bild, ein Video, und schon geht es weiter. Kaum ist etwas ausgesprochen, wird es vom Nächsten überholt. Doch Demokratie hat ein anderes Tempo. Sie braucht Zeit, Geduld und Menschen, die bereit sind, bei einem Gedanken zu bleiben, auch dann, wenn er unbequem ist.

 

Vielleicht hat das mehr mit Demokratie zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Denn Demokratie lebt nicht nur von Meinungen, sondern von Begegnung und von der Bereitschaft, zuzuhören. Sie lebt von Menschen, die bei einem Gedanken bleiben, statt sofort weiterzuwischen. Sie braucht Zeit, Geduld und die Fähigkeit, Stille auszuhalten.

 

Wenn wir uns permanent beschäftigen, verlieren wir etwas Entscheidendes: das Gespür füreinander und für all die Zwischentöne. Die Gespräche werden kürzer, man reagiert schneller, vielleicht auch mal unwirsch, denn… hey, ich bin am Spielen, störe mich nicht. Und doch beginnt alles genau in diesen kleinen Momenten, in denen wir uns entscheiden, wirklich da zu sein.

 

Demokratie muss gar nicht in grossen Worten oder hitzigen Debatten beginnen. Sie beginnt bereits dort, wo wir das Handy kurz beiseitelegen, jemandem zuhören und uns selbst wieder ernst nehmen. Wo und wem schenke ich meine Aufmerksamkeit, jetzt, wo ich plötzlich viel mehr Zeit habe?

 

Und am Ende bleiben die Fragen:

Scrollst du noch oder hörst du zu?

Spürst du den Moment, in dem du gerade bist, oder zieht er unbemerkt vorbei?

Redest du schon, wirklich, von Mensch zu Mensch, oder bist du noch mit etwas anderem beschäftigt? Und wie aufmerksam bist du eigentlich für das, was leise zwischen den Worten geschieht?

 

Vielleicht magst du es ein paar Tage ausprobieren, ein paar Apps löschen und schauen, was sich zeigt. Sie lassen sich ja jederzeit wieder installieren. Und vielleicht entdeckst du dabei etwas, das längst auf dich gewartet hat.

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