top of page

Zwischen Urteil und Menschlichkeit


Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich auf die Silvesternacht in Crans-Montana schriftlich reagieren soll. Schlussendlich kann ich meine Gedanken dazu nicht einfach wegwischen. Vom ersten Moment an, als ich davon hörte und darüber las, ging es nur um eines: Meinungen, Urteile, Schuldige. Und ich frage mich, wo dabei die Menschlichkeit bleibt.

Mich macht es traurig und nachdenklich. Nicht nur wegen der Tragödie selbst, die nicht in Worte zu fassen ist, sondern wegen dem, was danach folgte.

 

Da sieht man junge Menschen, die filmen, und sofort heisst es, sie hätten flüchten sollen statt das Handy zu zücken. Aber wissen wir wirklich, was davor war? Vielleicht lag das Handy schon in der Hand, weil etwas anderes gefilmt wurde. Wurden nur diese Sekunden gefilmt oder bereits viele Minuten davor? Hat gar Schock, Angst oder Überforderung den Körper übernommen?

 

Man sieht einen Ausschnitt und macht daraus ein Urteil. Vielleicht beruhigt es das Gewissen, einen Schuldigen zu haben. Vielleicht ist es einfacher, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, als sich ehrlich zu fragen, wie man selbst in so einer Situation reagiert hätte. Wäre man klar geblieben? Hätte man richtig gehandelt?

 

Auch das Bar-Besitzer-Paar steht nun im Fokus. Ganz klar, Verantwortung gehört dazu, rechtlich und sachlich, ohne Frage. Und trotzdem frage ich mich, wo all die Stimmen vorher waren. Anscheinend war die Bar ein Ort der Begegnung, beliebt bei jung und alt, vielleicht weil dort Menschen wirkten, die verbindend, engagiert und innovativ waren. Jetzt sieht man nur noch das, was ist. Die Katastrophe, den Schmerz, den Verlust und die «unmöglichen» Barbesitzer.

 

Genau hier wird mein Herz so schwer. Mir fällt auf, wie schnell das Davor vergessen wird und dass wir fast nie das ganze Bild kennen. Wie rasch gewertet wird, ohne dabei gewesen zu sein und ohne zu wissen, was Minuten oder Jahre davor waren.

 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Nicht-Wissen ehrlicher ist als ein schnelles Urteil. Mitgefühl wirkt heilsamer als jede Schuldzuweisung. Für mich beginnt echte Verantwortung nicht beim Verurteilen, sondern beim Innehalten und beim Anerkennen, dass Menschen in Extremsituationen nicht funktionieren, sondern reagieren. Beim Verstehen, wie komplex das Leben ist und wie fehlbar wir alle sind.

 

Vielleicht dürfen wir uns in solchen Momenten daran erinnern, wie verletzlich wir alle sind. Wie schnell das Leben kippen kann und wie wenig Kontrolle wir in Wahrheit haben. Wie sehr wir selbst darauf hoffen, im eigenen Scheitern, in der eigenen Überforderung oder im falschen Moment nicht auf ein Urteil reduziert zu werden. Ich finde, gerade jetzt braucht es weniger Meinungen und mehr Stille. Weniger Zeigefinger und mehr offene Herzen. Ein Innehalten, bevor wir sprechen. Ein Atemzug, bevor wir urteilen. Nicht, um Verantwortung zu verdrängen, sondern um der Menschlichkeit wieder einen Platz zu geben. Denn sie geht so schnell verloren, wenn wir vergessen, dass hinter jedem Bild, hinter jeder Schlagzeile und hinter jeder Rolle Menschen stehen. Menschen mit Geschichten, mit Angst, mit Liebe und mit Fehlern. Und mit einem Leben, das sich in einem einzigen Moment für immer verändert hat.

Kommentare


bottom of page