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War früher alles unbewusst?

  • 30. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Wenn wir heute «bewusst leben», haben dann unsere Vorfahren unbewusst gelebt?

Diese Frage kam mir heute Morgen auf dem Bike in den Sinn. Warum ausgerechnet heute? Das erzähle ich dir gleich. Ich war nämlich nicht allein unterwegs. Oder vielleicht doch. Ich war allein und doch nahm ich ganz bewusst jemanden wahr, der mich den ganzen Weg begleitete.

 

In den letzten Jahren begegnet mir der Begriff «bewusst leben» immer häufiger. Oft verbunden mit Worten wie Schattenarbeit, Traumaarbeit, Loslassen oder Heilen. Ganz klar, es gibt Situationen im Leben, in denen es wichtig und heilsam ist, hinzuschauen. Doch manchmal frage ich mich, ob wir dabei nicht vergessen haben, was bewusstes Leben ursprünglich auch bedeuten kann.

Haben unsere Grosseltern und Urgrosseltern unbewusst gelebt? Die Menschen, die mit der Sonne aufstanden, den Himmel beobachteten, den Mond kannten, den Wechsel der Jahreszeiten spürten und im Rhythmus der Natur lebten. Die wussten, wann gesät und geerntet wurde, wann gearbeitet und wann geruht werden wollte.

Vielleicht hatten sie einfach eine andere Form von Bewusstsein. Eine, die weniger von Selbstoptimierung geprägt war und dafür mehr mit der Verbindung zum Leben.

 

Mit genau diesen Gedanken trat ich heute Morgen in die Pedale. Die Sonne hatte ich lange Zeit im Rücken. Vor mir fuhr mein Schatten und ich ihm hinterher. Ein Satz, der sich für viele wohl schwer anhören würde. Für mich fühlte er sich heute Morgen überraschend leicht an.

Ich winkte ihm zu und er winkte zurück. Ich machte das Peace Zeichen und er ebenfalls. Mal fuhr er rechts von mir, später links. Zwischendurch verschwand er hinter mir und ich drehte mich um, um zu schauen, ob er überhaupt noch mitradelte oder einfach irgendwo vor sich hin chillte. Nur eines gelang mir nicht. So sehr ich mich auch anstrengte, schneller als mein Schatten war ich nie. Das bleibt wohl Lucky Luke vorbehalten.

 

Kaum ein Wort ist heute so schwer beladen wie «Schatten». Schattenarbeit. Schattenseiten. «Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst.» Doch heute Morgen war mein Schatten einfach nur ein Begleiter. Da wurde mir bewusst, dass mein Schatten nichts entscheidet.. Ich entscheide. Ich bestimme die Richtung. Er folgt einfach.

 

Wenig später stand ich im Garten und begann mit der Kräuterernte. Nun stand die Sonne direkt vor mir. Auf dem Bike hatte ich sie im Rücken und war meinem Schatten gefolgt. Jetzt blickte ich direkt ins Licht. Beides fühlte sich richtig an.

Da verstand ich plötzlich, dass es gar nicht darum geht, ob die Sonne vor oder hinter mir ist. Entscheidend ist, dass sie da ist. Auf dem Bike zeigte sie mir meinen Schatten. Im Garten zeigte sie mir ihr Licht. Beides gehörte zu demselben Morgen.

 

Ist es nicht auch im Leben so? Wir bewerten vieles viel zu schnell. Licht ist gut, Schatten ist schlecht. Dabei suchen wir an einem heissen Sommertag den Schatten ganz bewusst auf. Er schenkt uns Ruhe, schützt uns vor der Hitze und lässt uns durchatmen. Niemand würde sagen: «Ich wünsche mir heute keinen Schatten.» Genauso wenig würden wir uns eine Welt ohne Sonne wünschen, nur damit kein Schatten mehr entsteht. Vielleicht ist unser Schatten gar nicht der Gegner, für den wir ihn oft halten.

 

Im Dunkeln bin ich allein. Nicht einmal mein Schatten begleitet mich. Erst das Licht lässt ihn sichtbar werden. Dieser Satz hat meine Sicht auf den Schatten verändert. Ich muss ihn weder bekämpfen, noch loswerden. Ich muss ihn nicht einmal verstehen. Er erinnert mich einfach daran, dass Licht da ist.

 

Vielleicht bedeutet deshalb bewusst leben gar nicht, ständig tiefer in sich selbst zu graben. Ich glaube, es bedeutet eher, wieder bewusster in Beziehung zu treten. Mit der Natur, mit dem Leben, mit den Menschen, mit mir selbst. Und manchmal auch mit meinem Schatten.


Das Leben wird mir immer Licht und Schatten schenken. Beides gehört dazu. Doch jeden Tag darf ich neu entscheiden, in welche Richtung ich weitergehe. Mein Schatten begleitet mich. Mal rechts von mir, mal links, manchmal hinter mir. Heute lange Zeit sogar vor mir. Doch er entscheidet nie, wohin mein Weg führt. Das tue ich. Und so bleibe ich doch einfach bewusst in Beziehung mit mir.

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