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Wann wurde Leben zur Selbstoptimierung?

  • 14. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Manchmal frage ich mich, wann genau es angefangen hat. Wann der Punkt kam, an dem wir aufgehört haben, einfach zu leben und stattdessen begonnen haben, uns selbst ständig zu bearbeiten.

Heute scheint es fast selbstverständlich zu sein. Hier ein Prozess, dort ein Trauma, da eine Blockade und irgendwo dazwischen immer wieder die Botschaft, dass noch etwas gelöst, geheilt oder transformiert werden müsse, um endlich frei zu sein.

 

Ich finde Heilung wichtig und ich weiss, wie befreiend es sein kann, hinzuschauen und alte Wunden zu erkennen. Manche Dinge wollen gesehen werden, damit sie leichter werden dürfen. Aber vielleicht dürfen wir uns auch fragen, was wir uns davon eigentlich erhoffen. Freiheit? Inneren Frieden? Ein Weiterkommen auf dem eigenen Weg? Und wenn das so ist, wann beginnt dieser Weg eigentlich? Erst dann, wenn alles aufgelöst ist? Oder vielleicht genau jetzt. mitten im Unfertigen, mitten im Leben?

Immer öfter frage ich mich, wann eigentlich genug ist. Wann etwas einfach da sein darf, ohne dass wir es sofort analysieren oder verändern müssen. Wann wir aufgehört haben, uns als Menschen zu sehen und stattdessen begonnen haben, uns selbst wie eine Dauerbaustelle zu behandeln.

 

Es scheint fast, als wäre heute niemand mehr einfach gut genug, so wie er gerade ist. Immer wartet noch irgendwo die nächste Schicht, die angeschaut werden will. Immer liegt da noch ein Thema, das aufgearbeitet werden soll. Immer scheint da noch ein Schritt zu fehlen, bis man endlich ankommt. Aber wo genau will man ankommen? Dieses ständige Suchen kann uns auch von dem wegführen, was wir eigentlich möchten.


Vielleicht liegt Freiheit, Frieden und Leichtigkeit nicht immer im nächsten Prozess, nicht im nächsten Seminar und nicht in der nächsten Therapie. Vielleicht liegt all das manchmal genau hier, im Jetzt. Und in diesem Jetzt liegt für viele etwas, das sie kaum mehr aushalten. Stille.

Aber in der Stille begegnen wir uns selbst, ganz ohne Ablenkung, ohne Konzept und ohne jemanden, der uns sagt, was als Nächstes zu tun ist. Manchmal suchen wir so oft im Aussen, weil es einfacher ist, Verantwortung abzugeben. Weil es leichter scheint, jemandem unsere Themen zu überreichen, als uns selbst still daneben zu setzen und hinzuhören.

 

Ich habe manchmal das Gefühl, wir trauen dem Leben selbst kaum mehr zu, heilsam zu sein. Fast so, als bräuchte es immer eine Methode oder einen Plan, um mit dem Leben klarzukommen. Hinter jedem Schmerz wird nach einer tieferen Botschaft gesucht. Hinter jeder Schwierigkeit nach einer Wunde. Und manches darf kaum mehr einfach schwer, roh oder menschlich sein.

Gehört aber genau das nicht zum Leben?

Ist das Leben wirklich da, damit wir uns unaufhörlich optimieren? Oder will es viel mehr erfahren, fühlen, stolpern, lieben, verlieren, lachen und wachsen. Nicht durch ständiges Zerlegen, sondern durch das echte Erleben.

 

Die Natur macht es uns vor. Sie wächst nicht, indem sie sich ständig hinterfragt. Eine Pflanze gräbt ihre Wurzeln nicht ständig aus, um zu prüfen, ob sie tief genug reichen. Sie wächst, sie ruht, sie trägt Narben und lebt trotzdem weiter. Sie folgt ihrem Rhythmus.

 

Ja ich glaube, wir dürfen uns immer wieder fragen, ob dieses ständige Arbeiten an uns selbst wirklich immer Wachstum bedeutet. Oder ob es uns manchmal genau davon abhält, einfach zu leben. Wir müssen nicht ständig graben, um zu wachsen. Wir dürfen auch einfach mal sein und erkennen, dass wir längst mitten im Leben sind. Manchmal geschieht das grösste Wachstum genau dann, wenn wir aufhören, uns unaufhörlich verbessern zu wollen.


 

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