Leben verlängern oder den Moment verpassen?
- vor 16 Stunden
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Kürzlich schaute ich eine Sendung über das Thema «Longevity». Vielleicht hast du dieses Wort auch schon gehört. Es geht dabei um die Idee, das Leben möglichst lange zu verlängern und den Körper so zu optimieren, dass wir immer älter werden können. Man möchte dabei mit bewusster Ernährung, Bewegung und Stressmanagement den Alterungsprozess verlangsamen. In der Sendung wurde eine junge Frau gezeigt, kaum älter als dreissig. Sie investiert jeden Monat mehrere tausend Franken in ein Institut / Einrichtung für Programme, Tests und Nahrungsergänzungen, alles mit dem Ziel, vielleicht eines Tages noch länger leben zu können.

Während ich zuschaute und aus den Augenwinkeln das Kopfschütteln meines Partners mitbekam, begann in mir etwas zu arbeiten. Ich frage mich, ob man mit dem Wunsch, das Leben zu verlängern, nicht vergisst, es wirklich zu leben. Wenn sich so viel Energie darum dreht, den Körper immer weiter zu optimieren und das Sterben möglichst lange hinauszuzögern, entsteht bei mir das Gefühl, als dürften wir gar nicht mehr sterben. Als wäre Sterben etwas, das um jeden Preis verhindert werden muss.
Doch wenn ich in die Natur schaue, sehe ich einen ganz anderen Rhythmus. Alles hat dort seine Zeit. Der Frühling bringt neues Leben hervor, der Sommer lässt alles wachsen und blühen, der Herbst beginnt loszulassen und der Winter schenkt Ruhe und Rückzug. Kein Baum versucht, diesen Kreislauf aufzuhalten. Kein Blatt kämpft darum, für immer am Ast zu bleiben. Das ist pure (Natur)-Weisheit.
Für mich bedeutet Sterben nicht Abschied im endgültigen Sinn. Ich denke dabei vielmehr an eine Heimkehr. Wie das Zurückkommen von einer langen Reise, auf der man vieles erlebt, gelernt und gefühlt hat. Ich habe oft das Gefühl, dass wir hier auf der Erde zu Besuch sind. Wir sind hier, um Erfahrungen zu machen, um zu wachsen, um zu lieben, um zu lachen und um das Leben in all seinen Farben zu erfahren. Wenn unsere Zeit erfüllt ist, kehren wir wieder heim.
Deshalb glaube ich nicht, dass es in erster Linie darum geht, das Leben immer weiter zu verlängern. Für mich geht es darum, die Zeit zu nutzen, die uns geschenkt ist. Leben wir wirklich im Jetzt oder sind wir ständig damit beschäftigt, uns auf ein irgendwann vorzubereiten? Spüren wir den Moment noch bewusst oder rauschen die Tage an uns vorbei?
Es sind doch gerade die einfachen Dinge, die uns wieder zurück ins Leben holen. Ein Spaziergang draussen, der Duft von Kräutern in der warmen Luft, das Rascheln der Blätter im Wind oder ein Sonnenstrahl auf der Haut. In solchen Momenten wird spürbar, dass das Leben nicht nur in Jahren gemessen wird, sondern in Tiefe und in Begegnung und… in echten Erfahrungen.
Geht es wirklich darum, möglichst lange hier zu bleiben? Ich möchte viel lieber so leben, dass ich am Ende sagen kann, ich habe das Leben wirklich gespürt. Ich war hier, habe geliebt, gelernt, gestaunt und das Geschenk dieser Reise angenommen. Und wenn dann irgendwann die Uhr abgelaufen ist, dürfen wir gehen. Für mich ist das nicht das Ende, sondern Heimkehr.



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