Wo die Wirkung der Steine beginnt
- vor 20 Stunden
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Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich in einem Sommerlager in der Westschweiz auf einer Wanderung einen Stein fand. Wir waren in einer Flussebene unterwegs, als ich ihn entdeckte. Ein Stein in Form eines Herzens, bestimmt zwanzig Zentimeter breit. Obwohl er sich für mich damals schwer anfühlte, wusste ich, der gehört zu mir. Also packte ich ihn in meinen Rucksack und schleppte ihn den ganzen Tag mit mir herum.
Heute, mehr als vierzig Jahre später, liegt dieser Herzstein in meinem Garten. Ich bin in all den Jahren mehrmals umgezogen und natürlich ist der Stein jedes Mal mitgekommen. Nach einem dieser Umzüge war er allerdings plötzlich verschwunden. Ich suchte ihn und war tatsächlich richtig traurig, weil ich dachte, er sei verloren gegangen. Irgendwann tauchte er wieder auf, gut verpackt in einer Kiste mit Gartendeko. Ich weiss noch, wie erleichtert ich war, ihn wieder in den Händen zu halten. Spätestens da war für mich klar, dass dieser Stein längst mehr für mich war als ein Fundstück aus meiner Kindheit.
Was hatte er an sich? Als Zehnjährige wusste ich nichts über die Wirkung von Steinen. Ich kannte keine Bedeutungen und keine Zuordnungen. Mein Herzstein ist nicht einmal das, was wir als Edelstein bezeichnen würden. Er war einfach ein Stein. Ich sah ihn und wusste, dass er mitkommt. Heute finde ich genau das spannender als so manche Beschreibung darüber, wofür ein Stein stehen soll.
Kinder sammeln überall und ständig Steine. Einer glitzert besonders schön, einer fühlt sich gut an, einer sieht aus wie ein Herz oder hat eine eigenartige Zeichnung. Und dann muss er mit. Kinder müssen nicht wissen, was ein Stein «kann», bevor er ihnen etwas bedeutet. Er tut es einfach.
Ein Stein ist etwas unglaublich Ursprüngliches. Er war lange vor uns da und wird vermutlich lange nach uns noch da sein. Während wir unser Leben in Jahren und Jahrzehnten messen, trägt er eine Zeit in sich, die für uns kaum vorstellbar ist. Ich mag diesen Gedanken. Ein Stein will nichts von mir. Er muss nichts erreichen und nichts werden. Er ist einfach da. Kühl, schwer, glatt oder rau. Wenn ich ihn in der Hand halte, halte ich ein Stück Erde in der Hand.

Und dann gibt es Edelsteine. Manche funkeln, andere sind beinahe unscheinbar. Sie tragen Farben, Einschlüsse, Linien und kleine Landschaften in sich. Keiner gleicht vollkommen dem anderen.
Bist du schon einmal vor einer Schale voller Edelsteine gestanden und immer wieder bei demselben hängen geblieben? Manchmal ist sofort klar, was uns gefällt und manchmal überhaupt nicht. Vielleicht ist der Stein nicht einmal besonders schön und trotzdem greift die Hand nach ihm. Genau dieser Moment interessiert mich. Denn was geschieht da?
Natürlich reagieren wir auf Farben, Formen und Oberflächen. Doch ich glaube, dass Wirkung noch etwas anderes sein kann. Vielleicht muss ein Stein uns gar nichts «geben». Er bringt lediglich etwas in uns zum Klingen, das bereits da ist. Das ist für mich Resonanz.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Edelsteinen und nehme ihre unterschiedlichen Energien wahr. Ich kenne grösstenteils auch die bekannten Zuordnungen, doch sie interessieren mich nicht. Denn je länger ich mit Steinen arbeite, desto weniger möchte ich sie in solche Schubladen legen. Ein Rosenquarz bleibt zwar ein Rosenquarz, aber der Mensch, der ihn in der Hand hält, ist jedes Mal ein anderer.
Genau das wird oftmals übersehen, wenn wir bei der Frage nach der Wirkung sind. Wir schauen sehr genau auf den Stein und fragen, was er bewirkt. Mich aber interessiert genauso, wem er begegnet. Was löst er in dir aus? Was zieht dich an? Was kommt in Bewegung, wenn du ihn in der Hand hältst? Und was geschieht, wenn dieser Stein auf andere Steine trifft?
Hier beginnt für mich die besondere Energie meiner Seelenbänder. Wenn ich ein Seelenband entstehen lasse, weiss ich vorher nicht, welche Edelsteine darin ihren Platz finden. Ich suche sie nicht nach einer Wirkungstabelle aus. Sie finden während meiner Arbeit zusammen. Dabei kann derselbe Edelstein in zwei Seelenbändern auftauchen und trotzdem eine ganz andere Bedeutung bekommen. Er trifft auf andere Steine, Farben und vor allem auf einen anderen Menschen.
Ich vergleiche das gerne mit uns Menschen. Auch wir sind nicht unsere eine Stärke, unsere eine Verletzung oder unsere eine Eigenschaft. Wir sind das Zusammenspiel von allem, was uns ausmacht. Und genau dieses Zusammenspiel macht uns unverwechselbar. So empfinde ich auch ein Seelenband. Irgendwann sind es nicht mehr einfach einzelne Edelsteine. Es ist etwas Eigenes entstanden, mit einer ureigenen Energie und einer Geschichte, die kein einzelner Stein erzählen könnte.
Damit bin ich wieder bei meinem Herzstein. Ich habe bis heute keine Ahnung, «wofür» er steht. Ich habe nie nach einer Antwort gesucht und so ist es auch nach vierzig Jahren völlig egal. Er musste mich nie schützen, mir Mut schenken, mein Herz öffnen oder irgendeine andere Aufgabe erfüllen. Und trotzdem bedeutet er mir etwas. Ich glaube, die Bedeutung eines Steines entsteht manchmal einfach in der Verbindung, die wir mit ihm haben. Denn seine Wirkung beginnt dort, wo wir aufhören zu fragen, was er für uns tun soll.



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