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«Heimisch» wächst nicht auf der Verpackung

  • 27. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Aug.


In letzter Zeit stolpere ich immer wieder über einen Begriff, der mich eigentlich freuen müsste: heimisches Räucherwerk. Eigentlich. Denn wenn ich etwas genauer hinschaue, entdecke ich daneben manchmal Palo Santo, weissen Salbei oder Räuchermischungen mit Zutaten, die von weit her kommen. Und dann frage ich mich, was für einige denn wirklich «heimisch» bedeutet.

Diese Frage beschäftigt mich schon länger. Jeder darf für sich entscheiden, womit er räuchern möchte, und natürlich ist eine Pflanze nicht weniger wertvoll, nur weil sie nicht bei uns wächst. Aber wenn von «heimischem Räucherwerk» die Rede ist, möchte ich schon etwas genauer hinschauen.


Denn genau hier liegt etwas, das vielen vermutlich gar nicht bewusst ist. Eine Räuchermischung kann aus lauter Pflanzen bestehen, die bei uns heimisch sind, und trotzdem ist keine einzige davon hier gewachsen. Die Kräuter können fertig getrocknet bei einem Schweizer Anbieter eingekauft, anschliessend miteinander vermischt und als heimisches Räucherwerk verkauft werden.

Eine Fichte ist bei uns heimisch. Die Fichtennadeln in einer Räuchermischung können trotzdem aus Albanien, Kroatien oder einem anderen Land stammen. Ein «.ch» beim Lieferanten macht aus ihnen noch keine Schweizer Fichtennadeln.

Und genau deshalb bedeutet «heimisch» für mich mehr als der Name einer Pflanzenart. Mich interessiert, wo eine Pflanze gewachsen ist, wer sie gesammelt hat und welchen Weg sie hinter sich hat.


Was bedeutet heimisch für mich?

Weissen Salbei hatte ich sogar in meinem eigenen Garten. Er wuchs hier, ich habe ihn geerntet, getrocknet, verräuchert und … mochte ihn überhaupt nicht. Und damit war ich nicht allein. Auch meine Kursteilnehmer rümpften beim Verräuchern die Nase. Sein Duft, seine ganze Art, sein Wesen fühlen sich für mich fremd an. Er gehört für mich einfach nicht hierher.

Gleichzeitig wachsen rund um mich Pflanzen, mit denen Menschen in unseren Breitengraden seit langer Zeit verbunden sind. Beifuss, Schafgarbe, Dost, Johanniskraut, Mädesüss, Wacholder, Fichte, Tanne, Lärche und viele mehr. Warum sollte ich in die Ferne schweifen, wenn vor meiner eigenen Haustüre eine solche Pflanzenwelt auf mich wartet?

«Heimisch» bedeutet für mich deshalb Herkunft, Nähe und Verbindung. Und das Wissen darum, was ich in meinen Händen halte.


Ich kenne den Weg meiner Kräuter

Wenn du eine meiner Räuchermischungen öffnest, beginnt ihre Geschichte Monate vorher.

Über 120 verschiedene Pflanzen wachsen in meinem eigenen Garten. Ich begleite sie durch ihr Pflanzenjahr, sammle sie zum passenden Zeitpunkt und trockne sie sorgfältig. Andere Zutaten sammle ich im Wald oder auf der Wiese.

Ich weiss, woher meine Pflanzen kommen. Ich weiss, wie sie ausgesehen haben, bevor sie getrocknet in meinen Gläsern lagen. Bei vielen weiss ich sogar noch, an welchem Platz sie gewachsen sind. Genau diese Nähe zur Pflanze gehört für mich zum heimischen Räuchern.


«Achtsam gemischt» beginnt lange vor dem Mischen

Auch das Wort «achtsam» begegnet mir beim Räucherwerk oft. Ich mag dieses Wort. Für mich beginnt Achtsamkeit allerdings lange bevor getrocknete Zutaten miteinander vermengt werden.

Ich beschäftige mich seit Jahren mit Räucherpflanzen. Ich kenne ihre Düfte und weiss, wie unterschiedlich sie sich beim Verräuchern entfalten. Ich weiss, welche Pflanzen miteinander harmonieren und welche sich gegenseitig fast erschlagen. Ich kenne ihre traditionellen Anwendungen und bringe gleichzeitig meine eigenen Erfahrungen mit ihnen ein.

Eine Mischung muss für mich als Ganzes stimmen. Sie darf gut riechen, sich gut anfühlen und soll auch schön aussehen. Die Pflanzen dürfen miteinander wirken und eine gemeinsame Sprache finden. Das ist Handwerk, Pflanzenwissen, Erfahrung und ja, auch ganz viel Gefühl.


Räuchern ist für mich ein bisschen wie Teetrinken

Beim Tee wird oft ganz genau hingeschaut. Was ist drin? Woher kommen die Kräuter? Sind sie biologisch angebaut? Viele Menschen trinken keinen Kräutertee, wenn sie die Zutaten nicht kennen oder nicht wissen, woher sie stammen. Schliesslich gelangt das alles in den eigenen Körper.

Beim Räucherwerk scheint diese Genauigkeit plötzlich weniger wichtig zu sein. Ein paar getrocknete Kräuter, ein wohlklingender Name und Begriffe wie «natürlich», «achtsam» oder «heimisch» auf der Verpackung und schon passt es. Aber warum eigentlich?

Beim Tee lösen sich Inhaltsstoffe, Geschmack und Duft im Wasser. Beim Räuchern begegnen die Pflanzen dem Körper über Duft und aromatische Bestandteile in der Luft. Auf der feinstofflichen Ebene kommt für mich ihre Energie und ihre Botschaft dazu.

Wer beim Tee wissen möchte, was in der Tasse landet, darf sich dieselbe Frage auch beim Räucherwerk stellen.


Wenn die Fichtennadel eine Reise macht

Kommen wir nochmals zu den Fichtennadeln. Ich könnte sie problemlos fertig getrocknet bei einem Schweizer Anbieter bestellen. Das würde mir einiges an Arbeit ersparen. Oder ich gehe im Winter in den Wald nebenan und sammle sie selbst. Sie liegen dort zur Genüge und warten eigentlich nur darauf, mitgenommen zu werden.

Da wird etwas über Hunderte oder Tausende Kilometer hinweg importiert, das buchstäblich vor den Füssen liegt. Selber sammeln bedeutet natürlich mehr Aufwand. Die Nadeln wollen gesammelt, sorgfältig getrocknet, verarbeitet und gelagert werden. Das braucht Zeit. Und Zeit ist bekanntlich Geld. Für mich gehört genau diese Arbeit zu meinem Räucherwerk.


Was in meinen Mischungen wirklich steckt

Meine Räuchermischungen kosten 16 bis 18 Franken. Darin steckt ein ganzes Pflanzenjahr. Säen, pflanzen, pflegen, beobachten, sammeln, ernten, trocknen, verarbeiten und lagern. Vieles davon geschieht lange bevor überhaupt die erste Räuchermischung entsteht.

Dazu kommen mein Wissen über die einzelnen Pflanzen und meine Erfahrung mit dem Räuchern. Eine gute Mischung entsteht für mich nicht dadurch, dass ein paar Kräuter zusammenkommen, die auf dem Papier zum gleichen Thema passen. Ich möchte wissen, wie sie sich beim Räuchern verhalten, wie sich ihre Düfte miteinander verbinden und was jede einzelne Pflanze in eine Mischung hineinbringt. Manchmal braucht es mehrere Anläufe, bis eine Mischung für mich wirklich rund ist. Erst dann wird von Hand gemischt und abgefüllt.

Vor allem aber steckt darin etwas, das sich kaum auf ein Preisschild schreiben lässt. Die Beziehung zu den Pflanzen. Ich begleite viele von ihnen vom ersten Austrieb bis zur Ernte. Ich kenne ihren Duft frisch im Garten und später getrocknet auf dem Räucherstövchen.

Du kaufst bei mir also keine Pappdose voller getrockneter Kräuter. Du bekommst ein kleines Stück meines Gartens.


Heimisch ist für mich kein Etikett

Ich möchte mit diesem Text niemandem sagen, womit er räuchern soll. Räuchern darf genauso individuell sein wie die Menschen, die es tun. Für mich hat «heimisch» jedoch eine klare Bedeutung. Es beschreibt die Herkunft und den Weg einer Pflanze genauso wie die Pflanzenart selbst.


Wenn ich dir mit diesem Artikel etwas mitgeben darf, dann die Neugier auf die Herkunft deines Räucherwerks. Frag nach, woher die Pflanzen kommen. In meinen Räucherkursen erlebe ich immer wieder, was passiert, wenn Menschen beginnen, sich näher mit unseren heimischen Räucherpflanzen zu beschäftigen. Danach bricht bei vielen regelrecht das Sammelfieber aus. Plötzlich gehen sie mit anderen Augen durch die Natur, entdecken Pflanzen, an denen sie vorher vorbeigegangen sind, sammeln, trocknen und probieren aus. Dieses Echo bekomme ich nach meinen Kursen immer wieder und ich liebe es.


Vielleicht packt auch dich diese Neugier. Geh hinaus, lerne die Pflanzen kennen, die direkt vor deiner Haustüre wachsen, rieche an ihnen und entdecke, was sich zum Räuchern eignet. Denn irgendwann liegt dann eine Pflanze auf deinem Stövchen, die du kennst und deren Weg du selbst begleitet hast.


Für mich beginnt heimisches Räucherwerk draussen im Garten, im Rhythmus von Mond und Sonne. Es wächst durch meine Hände, mein Wissen und viele Monate Arbeit, bis irgendwann ein kleiner Teil davon auf deinem Räucherstövchen liegt. Genau das bedeutet heimisches Räucherwerk für mich. Und genau das steckt auch in diesen 16 bis 18 Franken.




 

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