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Wenn deine grösste Kraft dich stoppt

  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Acht Tage und acht Nächte lang war mein Körper von einem Schmerz erfüllt, den ich so noch nie erlebt hatte. Was mit einer Schulteroperation begann, wurde zu einer Erfahrung, die mich gezwungen hat, auf eine tiefere Ebene meines Lebens zu schauen.


Die Operation an meiner Schulter war, zumindest aus medizinischer Sicht, kein grosser Eingriff. Doch das, was danach kam, hat mich an meine Grenzen gebracht. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Schmerzen. Es fühlte sich an, als würde mein ganzer Arm gegen etwas ankämpfen, das ich nicht greifen konnte. Mehr Schmerzmittel durfte der Arzt nicht erlauben, und glaube mir, meine Schmerzgrenze ist sehr hoch.

 

Um dieses Gefühl zu beschreiben, braucht es ein Bild. Stell dir vor, du berührst mit nassen Händen einen Elektrozaun und im selben Moment stösst du dir heftig den Ellbogen an. Dieses elektrische Kribbeln, diese durchzuckenden Impulse, die durch den ganzen Arm schiessen, genau so fühlte sich dieser Schmerz an. Nur dass er nicht kurz war, nicht in Wellen kam und auch nicht wieder verschwand. Er war ununterbrochen da, Tag und Nacht, als würde mein Arm unter Strom stehen.

 

Still sitzen und Ruhe waren beinahe unmöglich. Ich lief im Wohnzimmer auf und ab, Stunde um Stunde, Nacht um Nacht, und habe in diesen Tagen vermutlich mehr Kilometer zurückgelegt als bei manchem Spaziergang draussen in der Natur. Ich wusste nicht, wie ich mit diesem Schmerz umgehen sollte.

In der achten Nacht nach der Operation konnte ich kaum mehr. In mir wuchs der Gedanke, in den Notfall zu fahren. Die Vorstellung, intravenös Medikamente zu bekommen, einmal keine Schmerzen zu haben und vielleicht ein paar Stunden liegen zu können, war unglaublich verlockend. Doch ich blieb.

Irgendwann in dieser Nacht sprach ich laut in den Raum hinein. Ich sagte, dass ich tagtäglich vielen Menschen helfe und dass ich jetzt, wo ich selbst Hilfe brauche, scheinbar keine bekomme. Ich wusste tief in mir, dass es gar nicht um die Schulter ging, sondern sie mir nur etwas zeigen wollte. Sie hatte mich ausgebremst, und zwar so deutlich, dass ich gar nicht anders konnte, als hinzuschauen. Nur wusste ich noch nicht, wohin genau ich schauen sollte.


Am Morgen danach schaffte ich es, für etwa dreissig Minuten in eine tiefe Stille zu gehen. In dieser Stille kamen Antworten, ruhig und klar, und mit ihnen fiel der Name eines jungen Mannes, mit dem ich mal ein Coaching gemacht hatte. Ich schrieb ihm eine Nachricht. Ich bat ihn weder um Hilfe, noch um Heilung, sondern lediglich darum, sich mit mir zu verbinden und hineinzuspüren, um was es in diesem Prozess wirklich geht. Er tat es, und seine Worte haben etwas in mir sichtbar gemacht, das ich so zuvor noch nie betrachtet hatte.


Er machte mir meine unglaublich grosse Mentalkraft bewusst. Eine mentale Kraft, die ein riesiges Potential ist und die mich mein Leben lang begleitet hat. Doch bei beinahe allen Menschen geschieht im Laufe des Lebens etwas Ähnliches. Unsere grösste Stärke trägt oft auch ihren eigenen Schatten in sich, und genau dort zeigt sich irgendwann, wo wir aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Bei mir war es diese Mentalkraft, die mir geholfen hat, weiterzugehen, weiter zu funktionieren und handlungsfähig zu bleiben, auch dann, wenn auf Herzebene Dinge geschehen sind, die schmerzhaft waren. Irgendwann habe ich mir unbewusst eine Kraft erschaffen, die mir erlaubt, unabhängig von äusseren und inneren Umständen zu bleiben. Eine Art Überlebensmodus, der mir sagt, dass ich keine Hilfe von aussen brauche, weil ich alles allein schaffen kann.

Das ist auf eine gewisse Weise sehr praktisch, doch diese Kraft hat auch ihren Preis. Wenn sie über Jahre immer stärker wird, kommt irgendwann ein Punkt, an dem die Seele kaum mehr dagegen ankommt. Und wenn die Seele nicht mehr gehört wird, sucht sie sich einen anderen Weg. Sie erschafft ein Symptom, einen Umstand oder eine Situation, gegen die man nicht mehr ankommt. In genau diesem Moment beginnt dieses mentale Kraftfeld zu kollabieren. Man verliert die Kontrolle, die Handlungsmacht und die Fähigkeit, alles weiterhin mit dem Verstand zu steuern. Der eigene Überlebensmodus bricht in sich zusammen. Und genau dort war ich.

 

Meine Mentalkraft hat mir mein Leben lang gesagt, dass ich alles allein schaffen kann. Und dann kam diese Schulteroperation und hat mich so stark ausgebremst, dass ich nicht einmal mehr allein duschen oder meine Hose hochziehen konnte. Die einfachsten und alltäglichen Dinge konnte ich nicht selbst erledigen. Ich konnte nichts tun, ausser zu sein und diesen höllischen Schmerz irgendwie auszuhalten. Ich musste Hilfe zulassen. Nicht nur ein bisschen, sondern vollständig.


Durch die Worte des jungen Mannes erkannte ich die Zusammenhänge und verstand plötzlich, was mir dieser Prozess zeigen wollte. In diesem Moment geschah etwas, das ich selbst kaum erklären kann. Innerhalb einer Stunde waren meine Schmerzen verschwunden. Seit diesem Moment brauche ich keine Schmerzmittel mehr.

Ich habe verstanden, worum es ging. Ich habe meine Lektion gelernt, sie akzeptiert und in mir integriert. Und genau deshalb kann ich nun weitergehen, mit einer Mentalkraft, die weiterhin da ist, aber nicht mehr gegen mein Herz arbeitet, sondern mit ihm.

 

Vielleicht erscheint dir diese Geschichte unglaubwürdig. Für manche mag sie sogar zu einfach oder zu mystisch klingen. Für mich jedoch liegt darin eine der tiefsten Wahrheiten unseres Lebens. Wir sind hier, um zu lernen, um zu erkennen, um an uns zu wachsen und die Teile in uns wieder in Balance zu bringen, die irgendwann aus dem Gleichgewicht geraten sind. Manchmal geschieht diese Erkenntnis im Stillen und ganz sanft, und manchmal braucht es einen Schmerz, der uns so lange begleitet, bis wir bereit sind, endlich hinzuhören.

 

Ich glaube, genau darin liegt eine der grössten Einladungen des Lebens. Wir müssen nicht immer stärker werden, sondern dürfen hin und wieder weich genug sein und hinhören. Denn dort, wo wir aufhören zu kämpfen, beginnt oft die eigentliche Heilung. Es ist die Erinnerung daran, dass wahre Stärke nicht darin liegt, alles alleine zu tragen, sondern uns selbst auf einer tieferen Ebene wieder zu begegnen.

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