Verlorene Seelen oder Besuch aus der Anderswelt?

Mein Vater war kein gläubiger Mensch. Was nach dem Tod kommt, war für ihn nie ein Thema. Und doch durfte ich in den letzten Stunden seines Lebens etwas erleben, das mich bis heute begleitet.
Er war krank und ich habe wochenlang jeden Tag von ihm Abschied genommen, weil ich nicht wusste, ob er morgen noch da sein würde. Etwa 24 Stunden bevor er für immer eingeschlafen ist, fiel mir auf, dass er immer wieder zur Zimmerdecke schaute. Seine Augen wanderten hin und her, als würde er dort oben etwas beobachten. Ich fragte ihn, ob er da oben Kino hätte. «Ja guck doch, da ist Mami und Hans», antwortete er. Er meinte seine längst verstorbene Mutter und seinen Bruder. Und während ich mich zu ihm legte, erzählte er mir weiter, wen er alles sah. «Schau doch, wie gut sie aussehen. So gesund und strahlend.»
Diese Worte habe ich nie vergessen. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass seine Mutter, sein Bruder und weitere vertraute Menschen bereits auf ihn warteten, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten.
Ja ich glaube, wir sind hier auf der Erde nur zu Besuch. Irgendwann machen wir uns wieder auf den Heimweg. Und ich glaube, dass wir auf diesem Weg nicht allein sind.
Können Seelen überhaupt verloren gehen?
In der spirituellen Welt begegnet mir immer wieder die Vorstellung, dass Seelen nach dem Tod auf der Erde zurückbleiben können. Es wird davon gesprochen, dass sie ihren eigenen Tod nicht bemerkt haben, sich nicht von einem geliebten Menschen lösen können oder aus irgendeinem Grund an einem bestimmten Ort festhalten. Oft ist dann von verlorenen, erdgebundenen oder unerlösten Seelen die Rede. Dieser Gedanke macht mich nachdenklich.
Wenn wir nach unserem Tod wieder nach Hause gehen, weshalb sollte eine Seele diesen Weg nicht finden? Weshalb sollte sie irgendwo zurückbleiben, orientierungslos umherirren oder darauf angewiesen sein, dass ein lebender Mensch ihr den Weg zeigt?
Und genau bei diesem letzten Gedanken frage ich mich, welche Rolle eigentlich unser menschliches Ego spielt. Weshalb glauben wir, dass ausgerechnet wir die Fähigkeit besitzen, eine verstorbene Seele zu erlösen? Ist es tatsächlich die Seele, die unsere Hilfe braucht? Oder steckt dahinter auch unser menschliches Bedürfnis, etwas Besonderes bewirken zu können?
Natürlich weiss ich nicht, wie dieser Übergang tatsächlich geschieht. Niemand von uns kann mit Gewissheit sagen, was uns nach dem Tod erwartet. Ich vertraue darauf, dass wir von vertrauten Seelen empfangen und begleitet werden und jede Seele ihren Heimweg findet.
Trotzdem glaube ich, dass Verstorbene uns besuchen können. Denn weshalb sollte eine Seele, die ihren Weg ins Licht gefunden hat, nicht weiterhin mit den Menschen verbunden sein können, die sie auf der Erde geliebt hat? Für mich schliesst das eine das andere überhaupt nicht aus.
Wenn Verstorbene zu Besuch kommen

Einige Wochen nach dem Tod meines Vaters sass ich im Auto, als im Radio sein Lieblingslied gespielt wurde. Genau jenes Lied, das an seiner Beerdigung von einem Jodelduett gesungen worden war. Lauthals sang ich mit und als das Lied zu Ende war, sagte ich lachend in den leeren Wagen hinein: «Gäll Paps, laut und falsch, aber soooo schön!»
Im selben Moment spürte ich eine Berührung. Es fühlte sich an, als würde mir jemand sanft über den Kopf und weiter den Rücken hinunterstreichen. So deutlich, dass ich am ganzen Körper Gänsehaut bekam. Ich sass allein im Auto und doch hatte ich in diesem Augenblick das Gefühl, meinem Vater ganz nahe zu sein. Ich habe dies als einen liebevollen Besuch meines Vaters empfunden. Ein kurzer Moment der Verbundenheit, der für mich keiner weiteren Erklärung bedurfte. Mein Vater war nicht mehr hier, wo ich ihn sehen und in die Arme schliessen konnte. Und doch war mir seine Nähe in diesem Augenblick so vertraut.
Ich glaube, dass viele Menschen solche Augenblicke kennen. Ein vertrauter Duft, ein besonders lebendiger Traum oder eine Melodie, die uns genau im richtigen Moment begegnet. Und auf einmal ist da dieses schwer beschreibbare Gefühl, einem geliebten Menschen wieder ganz nahe zu sein. Wie wir solche Erfahrungen deuten, bleibt jedem selbst überlassen. Für mich sind es Momente einer Verbundenheit, die über den Tod hinausreicht.
Und was ist mit den Energien in einem Haus?
Aus meiner früheren Arbeit mit Hausräucherungen kenne ich viele Erzählungen von Menschen, die sich in ihrem Zuhause unwohl fühlten. Sie beschrieben eine gewisse Schwere, Unruhe oder eine Atmosphäre, die sie sich nicht erklären konnten. Für mich ist dabei wichtig, zwischen einer möglichen Verbindung zur Anderswelt und den Energien eines Ortes zu unterscheiden.
Ein Haus hat eine Geschichte. Menschen haben darin gelebt, geliebt, gestritten, gelacht, getrauert und vieles mehr. Ich glaube, dass sich solche Erfahrungen energetisch in einem Raum zeigen können. Das bedeutet für mich aber nicht, dass dort zwangsläufig eine verstorbene Seele anwesend ist. Bei einer Hausräucherung ging es mir deshalb auch nie darum, vermeintlich verlorene Seelen aufzuspüren oder jemanden aus einem Haus zu vertreiben. Ich unterstützte die Menschen dabei, ihr Zuhause wieder als ihren eigenen, vertrauten Ort wahrzunehmen.
Dabei spielen für mich die Absicht und der Fokus eine entscheidende Rolle. Das Räuchern macht diesen Vorgang sichtbar und sinnlich erlebbar. Der Duft und die Botschaft der Pflanzen, die bewussten Schritte durch die Räume und die Aufmerksamkeit, die wir einem Ort schenken, können uns helfen, eine Veränderung wahrzunehmen.

Müssen wir alles benennen können?
Kürzlich erzählte mir ein Mann, dass er in seinem Zuhause immer wieder Schritte und Gepolter hört. Seine Frau hingegen nimmt davon überhaupt nichts wahr. Er hat keine Angst, möchte aber gerne verstehen, was er da erlebt. Er vermutet, dass sich in seinem Haus verlorene Seelen aufhalten könnten.
Seine Erzählung hat mich beschäftigt. Vor allem aber die Frage, weshalb wir ungewöhnlichen Wahrnehmungen so schnell eine bestimmte Bedeutung geben möchten. Muss es eine verlorene Seele sein? Muss eine bestimmte Energie dahinterstecken? Oder dürfen wir zunächst einfach anerkennen, dass jemand etwas wahrnimmt, das er im Moment nicht einordnen kann?
Geräusche in einem Haus können viele Ursachen haben. Gebäude arbeiten, Materialien verändern sich mit der Temperatur und Geräusche übertragen sich manchmal auf überraschende Weise. Auch unsere Aufmerksamkeit beeinflusst, was wir hören und wie wir es erleben. Und trotzdem dürfen wir offen bleiben für persönliche Wahrnehmungen, die wir nicht unmittelbar erklären können.
Ich finde es interessant, dass zwei Menschen am selben Ort leben und ihn so unterschiedlich erleben können. Was der eine deutlich wahrnimmt, bleibt für den anderen völlig unbemerkt. Dass seine Frau nichts davon hört, stellt seine Wahrnehmung für mich nicht in Frage. Für mich muss deshalb auch nicht jede ungewöhnliche Erfahrung sofort erklärt oder einer bestimmten Ursache zugeordnet werden. Wir müssen nicht auf alles eine Antwort haben, um eine Erfahrung ernst zu nehmen.
Die Anderswelt darf ein Geheimnis bleiben
Wer glaubt, bereits alles über die geistige Welt zu wissen, lässt kaum noch Raum für das, was er vielleicht noch nicht kennt. Ich glaube an eine geistige Welt und an die Verbindung zwischen allem, was ist. Aber ich erhebe keinen Anspruch darauf, zu wissen, wie diese Welt in allen Einzelheiten funktioniert. Ehrglich gesagt, finde ich gerade das schön.
Für mich sind Verstorbene keine verlorenen Seelen, die darauf warten, dass wir ihnen den Weg zeigen. Ich vertraue darauf, dass sie ihren Platz im Licht gefunden haben. Gleichzeitig lasse ich Raum für die Möglichkeit, dass Liebe und Verbundenheit über den Tod hinaus spürbar bleiben.
Die beiden Erlebnisse mit meinem Vater haben mein Vertrauen in die geistige Welt bestärkt. Sie haben mir aber auch gezeigt, dass ich längst nicht alles verstehen muss, was ich erlebe. Ich darf meine eigenen Überzeugungen haben und gleichzeitig offen bleiben für das, was ich noch nicht kenne. Denn wie viel wissen wir tatsächlich über das, was nach unserem letzten Atemzug geschieht?



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