Wie viel Kraft kostet uns ein Leben gegen uns selbst?

Es gibt Entscheidungen, die treffen wir innerhalb weniger Minuten. Und dann gibt es jene, die uns über Wochen oder Monate begleiten. Wir denken darüber nach, drehen eine weitere Runde und hoffen insgeheim, dass sich die Sache irgendwann von selbst erledigt. Dabei wissen wir tief in uns oft längst, dass etwas nicht mehr stimmt.
Wir spüren es, wenn wir Ja sagen und eigentlich Nein meinen. Oder wir bleiben irgendwo, obwohl wir uns dort schon lange nicht mehr wohlfühlen. Wir halten eine Rolle aufrecht, die irgendwann einmal zu uns gepasst hat, heute aber viel zu eng geworden ist. Erwartungen erfüllen? Können wir, drücken uns dabei aber immer weiter weg von uns selbst.
Veränderungen lösen meist etwas aus, dessen Folgen wir noch nicht kennen. Das Vertraute scheint leichter auszuhalten zu sein als der erste Schritt ins Ungewisse. Nach aussen kann dabei alles wunderbar aussehen. Das Leben läuft. Wir funktionieren, erledigen unsere Arbeit, kümmern uns um andere, lachen, treffen Menschen und machen weiter. Vielleicht merkt niemand, wie viel Kraft es uns kostet, dieses Leben aufrechtzuerhalten.
Doch wir selbst merken es. Oft beginnt es ganz unscheinbar. Ein Thema taucht immer wieder in unseren Gedanken auf. Kaum glauben wir, damit fertig zu sein, ist es wieder da. Wir schieben es zur Seite, beschäftigen uns mit anderem und irgendwann sitzen wir doch wieder am selben Punkt.
Ich glaube, genau dieses innere Dagegenhalten braucht unglaublich viel Energie. Unser Körper lebt schliesslich mit uns durch all diese Zeiten. Er begleitet uns auch dann, wenn unser Kopf noch versucht, eine Lösung zu finden. Manchmal spüren wir deshalb körperlich sehr deutlich, wie angespannt wir sind. Und vermutlich kennen viele dieses tiefe Aufatmen, wenn endlich etwas ausgesprochen oder entschieden wurde.
Krankheit hat viele Ursachen und selten wird man krank, weil man eine falsche Entscheidung getroffen oder zu wenig auf seine innere Stimme gehört hat. Und doch wissen wir heute, dass anhaltender Stress auch körperlich etwas mit uns macht. Für mich ist deshalb die spannendere Frage gar nicht, ob uns ein bestimmtes Leben krank oder gesund macht. Mich interessiert vielmehr, wie viel Kraft es uns kostet, dauerhaft gegen uns selbst zu leben. Ich glaube, hier unterschätzen wir etwas. Denn solange wir uns nicht entscheiden, ist eine Sache keineswegs einfach nur offen. Sie läuft im Hintergrund weiter und nimmt oft viel mehr Raum ein, als uns bewusst ist.
Und dann fällt irgendwann eine Entscheidung. Das Faszinierende daran ist, dass sich im Aussen in diesem Moment noch gar nichts verändert haben muss. Weder ist das Gespräch bereits geführt, noch der nächste Schritt gemacht. Und trotzdem verändert sich etwas. In uns drin wird es stiller. Es fühlt sich ruhiger an, denn wir hören auf, uns selbst überzeugen zu wollen. Die ewigen Verhandlungen mit uns selbst finden ein Ende. Und oftmals erkennen wir dabei, dass die Antwort längst da war.
Wir verändern uns und damit darf sich auch verändern, was zu uns passt. Etwas kann lange richtig gewesen sein und sich irgendwann trotzdem nicht mehr stimmig anfühlen. Das macht die vergangenen Jahre nicht falsch. Es bedeutet lediglich, dass wir heute an einem anderen Punkt stehen. Es lohnt sich deshalb, hin und wieder ganz ehrlich hinzuschauen, wo wir gerade besonders viel Kraft verlieren.
Wo führe ich seit Wochen dasselbe Gespräch mit mir selbst?
Wo in meinem Leben kostet mich das Festhalten inzwischen mehr Kraft als eine Veränderung?
Wo weiss ich eigentlich längst, was ich möchte, traue mich aber noch nicht, dieser Antwort zu vertrauen?
Wo fühlt sich mein Leben tatsächlich nach mir an?
Die Antwort darauf muss nicht bereits heute da sein. Doch allein die Frage kann etwas in Bewegung bringen. Und stell dir vor, wie wohltuend es sein kann, wieder dorthin zurückzukehren, wo du dich selbst spürst und deiner eigenen Wahrheit vertrauen kannst.



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