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Wenn das Ego das letzte Wort haben will

vor 6 Tagen
5 Min. Lesezeit

Kennst du Menschen, die auf alles eine Antwort haben? Die ganz genau wissen, wie etwas funktioniert, was richtig ist und was du auf keinen Fall tun solltest? Menschen, die ihre Erfahrungen und Überzeugungen so selbstverständlich als Wahrheit weitergeben, dass daneben kaum noch Platz für eine andere Sichtweise bleibt?

Gerade in der spirituellen Welt begegne ich solchen Aussagen immer wieder. Da wird erklärt, in welche Richtung man bei einer Hausräucherung gehen muss, welche Rituale unbedingt eingehalten werden müssen oder auf welche Weise man sich mit der geistigen Welt verbinden kann. Und wehe, jemand hinterfragt das.

Ich frage mich dann jeweils, wer eigentlich festgelegt hat, dass es nur diesen einen richtigen Weg gibt. Natürlich gibt es überlieferte Bräuche, Rituale und wertvolles Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde. Auch ich habe unzählige Kurse besucht, Bücher gelesen, Erfahrungen gesammelt und lerne bis heute immer wieder Neues dazu. Ich schätze Menschen, die ihr Wissen mit anderen teilen, sehr. Doch für mich gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen «Ich zeige dir, wie ich es mache» und «Nur so funktioniert es». Erfahrung darf Wissen vermitteln. Sie gibt uns aber nicht das Recht, anderen ihre eigene Wahrnehmung abzusprechen.

 

Vor vielen Jahren, als ich selbst noch einen Räucherkurs nach dem anderen besuchte, wurde ich für eine Hausräucherung angefragt. Ich sagte zu und durfte eine wunderbare Erfahrung machen. Anschliessend schrieb ich auf Facebook über meine Dankbarkeit und darüber, wie berührend ich es empfand, dass mir ein Mensch sein Zuhause und damit auch einen Teil seiner persönlichen Geschichte anvertraut hatte.

Wenig später erhielt ich eine ziemlich deutliche E-Mail von einer Frau, bei der ich Räucherkurse besucht hatte. Sie erklärte mir, dass mich diese beiden Kurse noch lange nicht dazu befähigen würden, Häuser auszuräuchern. Schliesslich trage man dabei eine grosse Verantwortung.

Ich war erstaunt. Einerseits wusste sie überhaupt nicht, welche weiteren Kurse und Ausbildungen ich besucht hatte. Andererseits fragte ich mich, weshalb sie überhaupt das Bedürfnis verspürte, mir das zu schreiben.

Ich hätte ihr sämtliche weiteren Kurse aufzählen können, auch meine zusätzliche Ausbildung. Ich hätte ihr erklären können, weshalb ich mich bereit fühlte. Aber wozu? Ich hatte nicht das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen oder ihr etwas zu beweisen. Also antwortete ich nicht.

Dass eine Hausräucherung Verantwortung mit sich bringt, steht für mich ausser Frage. Schliesslich werde ich in einen sehr persönlichen Raum eingeladen. Dort leben Menschen mit ihren Geschichten, Erinnerungen und Gefühlen. Diesem Vertrauen begegne ich mit grossem Respekt. Aber wer entscheidet, ab wann jemand genügend Erfahrung gesammelt hat? Und lässt sich das überhaupt allein an der Anzahl besuchter Kurse messen?

 

Schon als ich noch als Hochzeitsfotografin unterwegs war, habe ich immer wieder Frauen mitgenommen, die selbst gerne Hochzeiten fotografieren wollten. Sie durften mich begleiten, beobachten, Fragen stellen und erleben, was es bedeutet, eine Hochzeit fotografisch festzuhalten. Einige machten sich später selbstständig, was mich jedes Mal freute. Denn anscheinend konnte ich ihnen ein wenig Mut für ihren eigenen Weg mitgeben. Ich habe diese Frauen nie als Konkurrenz betrachtet.

Und das ist beim Räuchern bis heute so geblieben. Inzwischen gibt es Menschen, die meine Kurse besucht haben und selbst Hausräucherungen durchführen. Ich finde das wunderbar. Warum sollte mich das bedrohen? Ihre Erfahrungen nehmen mir meine nicht weg. Ihre Fähigkeiten machen meine nicht kleiner. Und ihr Erfolg schmälert meinen eigenen in keiner Weise.

Wenn jemand nach einem meiner Kurse nach Hause geht und glaubt, er könne nur dann richtig räuchern, wenn er alles genau so macht wie ich, dann habe ich etwas Wesentliches nicht vermittelt. Ich möchte Wissen weitergeben, Zusammenhänge erklären und Möglichkeiten aufzeigen. Und ich möchte Menschen darin bestärken, ihre eigene Wahrnehmung zu entdecken und ihr zu vertrauen. Denn Wissen wird nicht weniger, wenn wir es teilen.

 

Ich erinnere mich auch an einen Kurs, den ich bereits nach dreissig Minuten wieder verlassen habe. Der Kursleiter erklärte uns, dass eine Verbindung zur geistigen Welt ausschliesslich auf eine ganz bestimmte Weise möglich sei. Alles andere würde nicht funktionieren. Da war ich draussen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich bin überzeugt, dass alles miteinander verbunden ist und dass jeder Mensch seinen ganz eigenen Zugang zu dieser Verbindung finden darf. Was für den einen stimmig ist, kann sich für einen anderen völlig fremd anfühlen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand seine ganz eigene Methode entwickelt hat und davon begeistert ist. Im Gegenteil, ich finde es spannend, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen. Aber weshalb muss daraus eine Regel für alle anderen werden? Gerade in dieser riesigen spirituellen Welt begegnen uns so viele unterschiedliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Überzeugungen. Und niemand von uns kennt alles. Ich finde, ein wenig mehr Offenheit und Demut würden uns allen guttun.

 

Ich glaube, unser Ego meldet sich besonders gerne dann, wenn wir uns beweisen möchten. Wenn wir Anerkennung suchen, recht haben wollen oder uns mit anderen vergleichen. Das ist menschlich. Auch ich habe ein Ego und bin bestimmt nicht frei von solchen Momenten. Entscheidend ist für mich, ob ich es erkenne und wie viel Raum ich ihm gebe.

Dabei begegnet uns dieses Verhalten längst nicht nur in der spirituellen Welt. Wir erleben es im Berufsleben, in Beziehungen, bei Gesprächen unter Freunden und ganz besonders auch in den sozialen Medien. Da teilt jemand seine Gedanken oder Erfahrungen und schon finden sich Menschen, die alles hinterfragen, korrigieren oder erklären müssen, weshalb sie die Sache ganz anders sehen. Als gäbe es für jede persönliche Erfahrung nur eine richtige Sichtweise.

Natürlich dürfen wir anderer Meinung sein. Ein ehrlicher Austausch kann unglaublich bereichernd sein und uns neue Perspektiven eröffnen. Aber müssen wir wirklich immer recht haben? Und weshalb fällt es vielen gelegentlich so schwer, eine andere Meinung einfach stehen zu lassen?

Für mich liegt hier auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Überheblichkeit. Wer sich selbst vertraut, darf überzeugt von seinem Weg sein und klar für seine Haltung einstehen. Er braucht dafür weder die Zustimmung anderer noch muss er deren Überzeugungen infrage stellen. Überheblichkeit beginnt für mich dort, wo jemand seine eigene Sichtweise zum Massstab für alle anderen macht. Du kannst vollkommen überzeugt von deinem eigenen Weg sein, ohne den Weg eines anderen Menschen infrage stellen zu müssen.

 

Gerade beim Räuchern finde ich diese Haltung besonders wichtig. Wenn mich jemand bittet, sein Haus auszuräuchern, dann schenkt mir dieser Mensch sein Vertrauen. Es geht um sein Zuhause, seine Wahrnehmungen, seine Wünsche und das, was ihn gerade beschäftigt. Wer eine Hausräucherung durchführt, um sich anschliessend als besonders begabt, mächtig oder wichtig zu fühlen, richtet seine Aufmerksamkeit vor allem auf sich selbst. Dabei sollte sie doch bei den Menschen liegen, für die man gerade da ist.

Natürlich darf man sich über eine gelungene Hausräucherung freuen und auch stolz auf seine Erfahrungen sein. Aber sobald es darum geht, wer mehr sieht, wer mehr kann oder wer die besseren Fähigkeiten besitzt, haben wir für mich den eigentlichen Sinn aus den Augen verloren.

Ich glaube sogar, dass unser Bedürfnis, etwas unbedingt erkennen, erklären oder beweisen zu wollen, unsere Wahrnehmung beeinflussen kann. Wie offen sind wir wirklich für das, was sich zeigt, wenn wir innerlich bereits entschieden haben, was wir wahrnehmen müssen? Wer ständig damit beschäftigt ist, seine eigene Wahrheit zu verteidigen, hat kaum noch Raum, etwas Neues wahrzunehmen.


Alles, was ich hier schreibe, entspringt meinen eigenen Erfahrungen, meiner Wahrnehmung und meiner ganz persönlichen Wahrheit. Ich nehme mir die Freiheit, diese zu leben und auszusprechen. Genauso gestehe ich jedem anderen Menschen zu, seine eigene Wahrheit zu haben und seinen eigenen Weg zu gehen. Ich muss niemanden von meiner Sichtweise überzeugen. Ich brauche keine Anhänger und habe auch kein Bedürfnis, andere Menschen zu bekehren. Wir dürfen unterschiedliche Erfahrungen machen, andere Überzeugungen haben und trotzdem einander mit Respekt begegnen.

Meine Wahrheit braucht keine Zustimmung, um für mich wahr zu sein. Und die Wahrheit eines anderen Menschen nimmt meiner eigenen nichts weg. Vielleicht lohnt es sich deshalb, hin und wieder ehrlich hinzuschauen, weshalb wir etwas tun. Möchten wir wirklich etwas weitergeben, jemanden unterstützen oder eine Erfahrung teilen? Oder möchten wir vor allem gesehen, bewundert und bestätigt werden?

 

Ich wünsche mir, dass wir gerade in der spirituellen Welt unser Wissen grosszügiger teilen, neugierig bleiben und anderen Menschen zutrauen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Denn ich glaube, dass wir erst dann wirklich offen wahrnehmen können, wenn wir für einen Moment aufhören, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

 

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