Während du noch suchst

Kürzlich bekam ich einen Brief von einer jungen Frau, die ich vor beinahe einem halben Jahr ein kleines Stück begleiten durfte. Eigentlich bestand diese Begleitung aus erstaunlich wenig. Ich war da, hörte zu und irgendwann tauchte ich tiefer ein. Danach schrieb ich ihr ein langes Mail mit all den Bildern, Gedanken und Worten, die gekommen waren. Dann hörte ich nichts mehr von ihr. Bis vor wenigen Tagen.
Ihr Brief hat mich zutiefst berührt. Einerseits natürlich wegen ihrer persönlichen Worte an mich. Aber noch viel mehr, weil darin etwas steckt, das mir in letzter Zeit immer wieder begegnet.
So viele Menschen sind auf der Suche nach sich selbst, ihrem Weg, einer Aufgabe oder einer Erklärung für das, was sie plötzlich wahrnehmen. Sie spüren, dass da noch etwas anderes ist als das, was sie bisher kannten. Sie beginnen sich für Dinge zu interessieren, die sie bisher kaum beachtet oder gar belächelt haben. Sie nehmen ihre eigene Feinfühligkeit wahr und plötzlich tauchen Fragen auf. Was passiert da gerade mit mir? Wie weit darf ich mich darauf einlassen? Was davon gehört wirklich zu mir? Wo führt mich das hin? Und wo beginnt vielleicht auch der Punkt, an dem ich mich in all dem verliere?
Mit solchen Fragen kam diese Frau damals zu mir. Sie wollte wissen, wie mein eigener Weg begonnen hatte und verstehen, was gerade mit ihr geschieht. Eine fertige Antwort darauf hatte ich nicht. Ich habe sie auch heute nicht. Bei mir gibt es kein Versprechen, dass du nach einer Begegnung mit mir weisst, wer du bist, wohin dein Weg führt oder was deine Aufgabe ist. Ich kann dir keine fertige Lösung mitgeben. Was ich kann, ist zuhören, wahrnehmen, eintauchen, Gedanken anstossen und manchmal Worte finden für etwas, das längst da ist, aber noch nicht benannt werden kann.

Genau das scheint damals geschehen zu sein. In ihrem Brief schreibt sie, dass sie sich in meinen Worten erkannt habe. Manches habe sie sogar erschüttert, weil ich Dinge ausgesprochen hatte, die sie selbst noch nicht formulieren konnte. Ich hatte sie auf etwas aufmerksam gemacht, das sie zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht richtig sehen konnte. Und dann schreibt sie einen Satz, der mich besonders berührt hat. Meine Worte hätten in ihr etwas zum Keimen gebracht.
Ein halbes Jahr später weiss sie noch immer nicht, wohin ihr Weg sie führen wird. Ab und zu hinterfragt sie noch immer und sucht wohl auch noch. Aber etwas hat sich verändert. Sie versucht heute mehr zu spüren und weniger zu denken. Und sie hat für sich erkannt, dass es vielleicht gar nicht darum geht, irgendwo anzukommen oder die nächste Antwort wieder im Aussen zu finden.
Ich glaube, genau da liegt etwas, das viele von uns gerade betrifft. Wir suchen dort, wo Antworten angeboten werden. Wir lesen Bücher, besuchen Kurse, machen Ausbildungen oder buchen Coachings. Vieles davon kann wunderbar sein, etwas öffnen, uns weiterbringen und genau im richtigen Moment einen wichtigen Impuls geben. Schwierig wird es für mich erst dort, wo wir glauben, dass jemand anderes die Antwort auf uns haben müsste. Dass es irgendwo diese eine Methode, diese eine Ausbildung oder diesen einen Menschen gibt, der einen Schalter in dir umlegen kann und nach dessen Begleitung endlich alles klar ist. Dafür wird manchmal sehr viel Geld ausgegeben und vielleicht auch deshalb, weil ein Versprechen wie «Danach weisst du, wohin dein Weg führt» unglaublich verlockend klingt, wenn man gerade selbst überhaupt keine Ahnung hat.
Ich kann dieses Versprechen nicht geben und möchte es auch gar nicht. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, jemanden irgendwohin zu bringen. Aber vielleicht kann ich für einen Moment mitgehen, etwas sichtbar machen, einen Gedanken anstossen oder Worte für etwas finden, das der andere längst in sich trägt. Was daraus entsteht, gehört ihm.
Kürzlich im Räucherkurs sass wieder eine Frau bei mir, die ich schon länger kenne. Sie ist sehr feinfühlig und spürt, dass sie daraus etwas machen möchte. Sie möchte Menschen begleiten, weiss aber noch nicht genau wie. Und sie sucht nach einem Namen für dieses Etwas, das sie selbst noch gar nicht richtig benennen kann. Während ich ihr zuhörte, fragte ich sie irgendwann, weshalb etwas, das gerade erst entstehen möchte, überhaupt schon einen Namen und eine Definition braucht.

Ich weiss, ein Name gibt Sicherheit. Sobald etwas einen Namen hat, können wir es einordnen, erklären und anderen erzählen, was wir machen. Damit geben wir ihm aber auch bereits eine Form, die am Ende vielleicht noch viel zu klein ist für das, was eigentlich entstehen möchte.
Warum nicht einfach einmal tun? Ausprobieren, wahrnehmen, wieder verwerfen, anders weitermachen und schauen, was immer wieder zurückkommt. Unterwegs zeigt sich oftmals, was wirklich zu einem gehört. Oder aus der Feinfühligkeit entsteht etwas ganz anderes als das, was man sich heute darunter vorstellt. Der Name dazu wird irgendwann ganz selbstverständlich kommen, weil plötzlich klar geworden ist, was da eigentlich gewachsen ist.
Der Brief, den ich kürzlich erhalten habe, hat mich genau daran erinnert. Vor einem halben Jahr kam eine Frau zu mir, weil sie Antworten suchte. Heute schreibt sie mir, dass sie noch immer nicht weiss, wohin ihr Weg führt. Und trotzdem lese ich zwischen ihren Zeilen, dass sie weitergekommen ist. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht irgendwo ankommen muss.
Es muss nicht immer alles bereits klar sein. Manches darf keimen, bevor wir wissen, was daraus wächst. Hab Geduld mit dem, was gerade entstehen möchte. Sei geduldig mit dir selbst, wenn die Antwort noch ein wenig auf sich warten lässt. Dein Weg entsteht, während du noch nach ihm suchst.



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