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Wie man das Wörtchen «normal» definiert


Heute Morgen stieg ich um kurz nach 6.00 Uhr auf mein Bike. Ich liebe es, in den frühen Morgenstunden durch die Wälder zu biken. Keine Menschenseele, nichts als Stille, hie und da ein Feldhase, ein Fuchs oder das Morgenlied der Amsel. Aber ansonsten einfach.... nichts. Und ich liebe dieses Nichts. Je länger unsere Baustelle geht, desto mehr spüre ich, wie sehr ich die Ruhe und Stille brauche. Es sind in meinen Augen klar zwei verschiedene Dinge. Ich kann meine Ruhe haben und trotzdem laut Musik hören, mitsingen, lesen, schreiben oder einfach sein. Die Stille brauche ich jedoch, um in die Stille gehen zu können. Und im Moment habe ich weder das eine noch das andere. Ich hatte ja lange die Hoffnung, dass mit dem Beginn des Hausumbaus das Schürli/Kräuteratelier fertig ist. Aber nun haben wir zwei Baustellen - die eine noch mitten drin, die andere erst in den Startlöchern. Rückzugsort? Unmöglich. Im Haus wohnen wir auf engstem Raum, inmitten von Zügelkisten und viel Staub. Gemütlich ist anders. Im Schürli bietet sich mir auch keine Rückzugsgelegenheit, denn die Tür fehlt. Ohne Tür keine Ruhe, keinen Rückzug, keine Stille. Mir geht im Moment immer die IKEA Werbung durch den Kopf: «Wohnst du noch oder lebst du schon?». Hmhm, im Moment funktioniere ich.


So stehe ich seit ein paar Monaten täglich zwischen fünf und halb sechs auf, damit ich einen kurzen Moment lang meine Ruhe habe, und aufs Bike oder in die Stille abtauchen kann. Ich bin ein Nerven-bündel und selbst das nervt mich. Denn ich kenne das nicht von mir.


Dieses LAUT, ja dieser UMBRUCH ist seit Monaten, wenn nicht seit Jahren in aller Munde. Wir sind im Wandel und das mögen viele gar nicht mehr hören. Ich werde oft gefragt, wie ich denn mit dieser Energie umgehe, und ich spreche nun nicht von der lauten Baustelle, sondern von der "lauten" Welt. Viele Menschen nehmen plötzlich Dinge anders wahr. Sie sind empfindlicher und feinfühliger und sehr viele, die ich kenne, haben abends nach der Arbeit plötzlich nur noch einen Wunsch: ab nach Hause, Tür zu und einfach sein. Im Stil von "lasst mich meine Ruhe haben". Geht es dir etwa auch so?


Mir wurde heute auf dem Bike bewusst, dass ich bereits in meiner Kindheit diese Ruhe, die Stille und den Rückzug brauchte. In der Schule und im Sport hatte ich viele Kolleginnen um mich. War etwas unklar, wurde ich nach meiner Meingung gefragt und ich wusste immer eine Antwort darauf. Am Klassentreffen letzten November sagte dann eine ehemalige Schulkollegin zu mir, ich hätte eben immer recht gehabt, deshalb hätten sie mich gefragt.

Wenn ich nicht gerade in der Schule oder im Training war, wollte ich einfach meine Ruhe haben. Stundenlang schrieb ich Briefe und Tagebuch. Ich hatte einen dicken Ordner voller Gedichte und Sprüche und rückblickend müsste ich mich eigentlich fragen, wie um alles in der Welt ich solch tief-gründige Texte schreiben konnte.


Es ist nicht die Hektik da draussen, die mich nervt. Es ist nicht dieser Wandel, der viele andere verunsichert. Und es sind nicht diese "hohen" Energien, die mir Kraft rauben. Ich schreibe diese "hohen Energien" extra in Anführungs- und Schlusszeichen, denn ich spüre sie nicht. Ja echt, du hast richtig gelesen, ich spüre absolut nichts von einer erhöhten Energie oder von anderen Schwingungen. Und es gab Momente, da habe ich mich gefragt, ob ich einfach zu doof bin, um dies wahrzunehmen oder ich absolut kein «Gspüri», habe.

Letzten Winter war ich an einem Vortrag von einem beeindruckenden Mann, der mit Energien heilt. Am Nachmittag fand derselbe Vortrag nochmals statt und eine liebe Freundin von mir nahm da teil. Abends schickte sie mir eine Sprachnachricht mit den Worten "hey es war sooo krass, diese Energien in diesem Raum mit fünfzig Personen, das war ja der absolute Wahnsinn". Und ich - ich gestehe, ich habe nichts gespürt und nichts wahrgenommen. Es war so wie immer, es war normal.


Lies den letzten Satz nochmals. :-)

Ich musste also 49 Jahre alt werden, um zu verstehen, dass ich seit frühster Kindheit mehr wahrnehme als andere. Das ist meine Welt, mein Alltag und es ist einfach normal für mich. Der Rückzug, die Ruhe und die Stille sind meine Tankstellen. Mein Partner sagte zu Beginn unserer Partnerschaft oft, ich würde wohl nicht so gut hören. Hey, der gute Mann hat keine Ahnung! Zudem sind "hören" und "verstehen" auch zwei paar Schuhe - vergleichbar mit Sandalen und Skischuhen. So höre ich zum Beispiel jedes eingebaute Mardergerät in den Autos, ich höre diese Katzenschrecks und ich höre und verstehe jedes Wort, wenn man mit mir spricht. Aber wenn ich alleine bin und es ruhig ist, ich dann etwas tue, das ich liebe wie z.B. Räuchermischungen und Tee herstellen, dann bin ich in meiner Welt. Dann tauche ich dermassen ab, dass ich rund um mich nichts mehr wahrnehme. In dieser Welt halte ich Zwiegespräche, bekomme Ideen und Inspirationen und daraus entsteht all das, was es im Seelen-Fenster gibt. Logisch, dass ich ihn dann nicht verstehe, wenn er aus dem Nichts heraus vom unteren Stock etwas hochruft. Mit etwas Glück habe ich ihn gehört aber ziemlich sicher nicht verstanden. Und ja, wohl deshalb bin ich so unglaublich schreckhaft. Wage es ja nie, von hinten an mich heranzukommen, wenn ich in meiner Welt bin.


Ich bin so und du bist so. Die einen nehmen diese hohen Enegien schon länger wahr, andere erst seit Kurzem und machen sich ihre Gedanken dazu. Wieder andere nehmen diese grundsätzlich auch wahr aber denken, was nicht beweisbar ist, gibt es nicht. Und die vierte Gruppe merkt absolut nichts, Vielleicht, weil es für sie nichts Neues ist oder weil sie schlichtweg nichts spüren und wahrnehmen.

Alles normal oder? Ist doch voll okay so. Müssen wir das nun auf einer Skala einteilen, wer davon normal ist und wer nicht? Würde es etwas ändern?


Wie definiert man also «normal»? Frag das mal Google. Da steht eine Antwort, die nicht etwa vor siebzig Jahren sondern am 21.5.2021 geschrieben wurde. Nämlich:

Was normal ist, ist in der Regel all das, was in die jeweilige Gesellschaft passt, der Mehrheit entspricht, was erwartbar ist, funktioniert und was dadurch nicht stört und keinen Stress bereitet. Dabei kann es aber auch erstrebenswert sein, nicht der Norm zu entsprechen.


Beim Lesen des zweiten Satzes aus diesem Google-Eintrag musste ich laut lachen. Es könnte ja auch heissen "dabei kann es aber auch erstrebenswert sein, nicht normal zu sein".


 

Das Bild zu Beginn des Textes ist eine Innenaufnahme eines Leuchtturms. Spiralbilder wirken auf mich beruhigend. Die Vorstellung, oben auf dem Leuchtturm zu stehen, hilft mir, die Perspektive zu wechseln. Denn die Baustelle sieht von oben herab ziemlich klein aus. Also nichts, wowon man sich stressen lassen müsste.


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